Moderne Säuglingsforschung

Der kompetente Säugling

Die moderne Säuglingsforschung enthüllt Erstaunliches und Verblüffendes aus der kleinen Welt der Säuglinge. Säuglinge drücken Überraschung, Ekel, Schmerz, Interesse, Neugier aus. Sie erkennen ihre Mutter am Geruch und wählen aktiv den Film ihres Gefallens. Auf empirischem Weg, also mit Zählen und Messen in zahlreichen Experimenten, hat die Forschung gelernt, Entscheide und Gefühle des Säuglings zu beschreiben und zu messen. «Erstaunen» wird zum Beispiel am veränderten Gesichtsausdruck, an Unruhe und einer Pulsfrequenzänderung abgelesen. Interessant ist auch, dass die moderne Säuglingsforschung die Bestätigung dessen liefert, was Mütter und Betreuungspersonen schon immer gewusst haben.
Was viele Mütter und Kinderkrankenschwestern schon immer gewusst haben, wird nun auch von der modernen Säuglingsforschung bestätigt. Das Bild des unbedarften, teilnahmslosen, vor sich hindämmernden, gefühlslosen und undifferenzierten Säuglings entspricht nicht der Realität. Die Erkenntnisse der älteren Entwicklungspsychologie über die erste Kleinstkinderzeit sind überholt. Sie wurden aus den Therapien Erwachsener gewonnen, die mittels bestimmter Methoden Einblick in ihre frühe Kinderzeit erhielten. Diese vermittelten ein Bild, wie die frühe Kindheit dem Erwachsenen erschien (ein sog. rekonstruiertes Kind). Wie es damals wirklich war, blieb allerdings unbeantwortet. Es brauchte neue Ansätze, um die seelischen Prozesse und Gefühle dieser frühen Zeit zu erhellen.

Ein neues Bild des Säuglings entsteht

Mit Hilfe von Direkt- und Videobeobachtungen und von faszinierenden Experimenten in der natürlichen Umgebung des Neugeborenen wurde das Säuglingsbild revolutioniert. Neu entstand die Vorstellung des «kompetenten Säuglings». Mit kompetent ist gemeint, dass wir uns von Anfang an einem beziehungsfähigen, initiativen, differenzierten jungen Wesen gegenüber sehen, das bereits mit verschiedensten Gefühlen ausgestattet ist und seine Entwicklung aktiv wählend mitgestaltet. Kompetent heisst natürlich nicht, dass dieses kleine Wesen nun alles selbst gestaltet und ein gleichberechtigter Partner ist, den man mehr oder weniger sich selbst überlassen kann. Die Selbstwerdung des Kindes kann nur in der Auseinandersetzung mit andern Menschen geschehen.

Beim Erwachsenen können wir vom beobachteten Verhalten her nicht automatisch auf das innere Erleben schliessen. Der erwachsene Mensch lernt im Verlaufe der Entwicklung seine Gefühle zu verdrängen und sich zu kontrollieren. Er gibt sein Inneres nicht preis. Beim Neugeborenen und Kleinstkind jedoch ist die Verbindung von Psyche und Körper noch so eng, dass sich das innere Erleben unmittelbar ausdrückt und im motorischen Verhalten (z. B. Kopf drehen, hinschauen etc.) zeigt.

Verblüffende Ergebnisse aus faszinierenden Experimenten

Die moderne Säuglingsforschung führte Experimente durch, mit deren Hilfe man Fragen an die Säuglinge stellen und das beobachtete Verhalten als Antwort auf die gestellte Frage verstehen konnte.
Im Folgenden werden die Resultate einiger Experimente vorgestellt:
  • Das «Präferenzparadigma» stellt die Frage, ob ein Säugling zwei Sachen unterscheiden kann und eine davon vorzieht. Im Experiment zeigt man ihm zwei verschiedene Gesichter nebeneinander und misst die Zeitdauer, während der er sie fixiert. Blickt er eines länger an als das andere, signalisiert er, dass er unterscheidet und eines bevorzugt. Wenn ihm hintereinander, mit einer Pause dazwischen, zwei Reize gezeigt werden, wird festgestellt, dass er auch diese unterschiedlich lange fixiert, d. h. einen vorzieht.

  • Das «Habituierungsparadigma» stellt die Frage, ob die Aufmerksamkeit auf einen Reiz nach einer gewissen Zeit erlahmt, resp. ob sich der Säugling «daran gewöhnt». Im Experiment werden u. a. dazu die Schnuller der Säuglinge mit dem Abspielen eines Films gekoppelt. Nach einer bestimmten Zeit nimmt die Saugaktivität ab. Wird hingegen ein neuer Film gezeigt, nimmt die Saugaktivität wieder zu. Wenn also ein neuer Reiz auftaucht, kehrt die Aufmerksamkeit wieder zurück.

  • Das «Überraschungsparadigma» stellt die Frage, ob der Säugling Erwartungen hat und Abweichungen bemerkt. Im Experiment wird den Säuglingen hinter einer schalldichten Glasscheibe das Gesicht einer Frau gezeigt, die spricht. Der Ton der Stimme wird so eingespielt, dass er nicht aus dem Mund, sondern von der Seite kommt. Bereits im ersten Monat reagieren die Säuglinge erstaunt, was bedeutet, dass sie eine Erwartung hatten. Das Erstaunen wird am veränderten Gesichtsausdruck, an Unruhe und einer Pulsfrequenzänderung abgelesen. Dies bedeutet ausserdem, dass die Wahrnehmung eines Unterschieds psychische Bedeutung haben kann. Sie drückt sich aus durch erhöhte Erregung. Wenn Mütter angewiesen werden, ihr natürliches Interaktionsverhalten zu ändern und ohne Veränderung ihrer Gesichtsmimik auf die Annäherungsgesten ihres Kindes zu reagieren, so stellt man schon bei drei Monate alten Säuglingen darüber Erstaunen fest. Sie bemerken also, dass sich die Mutter nicht benimmt wie gewohnt, und sie unternehmen nachdrückliche, von starken motorischen Äusserungen begleitete Versuche, die Mutter umzustimmen.

Säuglinge erkennen ihre Mutter am Geruch

Die moderne Säuglingsforschung fördert viele weitere Erkenntnisse zutage. Die Beispiele sind fast unbegrenzt und faszinierend:

  • Nach einer normalen Geburt öffnet das Baby sofort die Augen und sucht das Gesicht der Mutter. Die maximale Sehschärfe besitzt in den ersten Lebenstagen eine Distanz von 20 Zentimetern. Im Blickkontakt mit dem Neugeborenen nehmen Eltern diese Entfernung intuitiv ein. Beim Stillen betrachtet das Kind das Gesicht der Mutter und nimmt ihren Ausdruck auf.

  • Neugeborene suchen aktiv nach Reizen und können verschiedene Reize voneinander unterscheiden. Der Reizhunger ist so gross, dass sie ihre Fütterungs- und Trinkaktivitäten unterbrechen, wenn ein attraktiver Reiz im Gesichtsfeld erscheint.

  • Gegenstände in der vertikalen Achse werden vorgezogen gegenüber solchen in der horizontalen.

  • Ovale Formen werden bevorzugt, was den Anfang der Vorliebe für Gesichter bedeutet. Mit ca. drei Monaten werden richtige Gesichter von solchen unterschieden, in denen Mund, Auge, Nase falsch angeordnet sind.

  • Von Geburt an werden verschiedene Muster unterschieden und jeweils eines davon bevorzugt: Zum Beispiel werden schwarz-weisse Kreise von schwarz-weissen Streifen unterschieden und gemusterte Tafeln werden länger angesehen als einfarbige.

  • Mit 1 - 2 Monaten werden rosa und rot als ähnlicher wahrgenommen als rot und grün.

  • Bis 1970 bestand die Meinung, dass Neugeborene kaum etwas hören, u. a. wegen der mit Käseschmiere verklebten Gehörgänge. Heute wissen wir jedoch, dass bereits während der Schwangerschaft akustische Zeichen mit bemerkenswerter Genauigkeit registriert werden. Unmittelbar nach der Geburt bevorzugt das Neugeborene die mütterliche Stimme (es wendet den Kopf in ihre Richtung).

  • Während der Schwangerschaft wird dem Kind eine Geschichte öfter vorgelesen. Nach der Geburt hat das Neugeborene die Möglichkeit über einen speziell konstruierten Schnuller und das Saugen daran eine Tonbandwiedergabe der Geschichte abzurufen. Je nach Saugrhythmus, den sie aktiv variieren können, wählen sie die Geschichte mit der mütterlichen Stimme oder dieselbe mit einer anderen Stimme. Sie bevorzugen ganz eindeutig die mütterliche Stimme.

  • Wird einem Kind während der Schwangerschaft immer wieder dieselbe Musik gespielt, reagiert es später darauf mit Erkennen.

  • Von Geburt an besteht eine differenzielle Reaktion auf hohe oder tiefere Töne: Hohe und leise Töne werden als beruhigender als tiefe und laute empfunden.

  • Auch beim Geschmackssinn bestehen Präferenzen: Süss schmeckt besser als salzig oder sauer, bitter wird aktiv gemieden und verschiedene Arten von süss werden von Anfang an unterschieden.

  • Säuglinge erkennen ihre Mütter am Geruch. Neugeborene unterscheiden den Geruch der Mutter von dem einer anderen Frau und ziehen den Geruch der Mutter vor. Sie wenden ihren Kopf auf diejenige Seite des Bettchens, an dem ein Tuch hängt, das ihre Mutter auf dem Körper getragen hat (auf der andern Seite hängt entweder ein ungebrauchtes oder eines von einer anderen Frau). Dasselbe Experiment wurde mit 2 Stilleinlagen durchgeführt (Mutter, fremde Frau).

  • Bereits von Geburt an können Neugeborene verschiedene Sinneswahrnehmungen miteinander in Beziehung setzen: Gibt man 20 Tage alten Kindern einen Schnuller mit Noppen zum Saugen und zeigt ihnen danach zwei Schnuller - einen mit Noppen,
    einen ohne - so blicken sie länger auf den genoppten, d. h. sie stellen bereits eine Verbindung her zwischen dem was sie im Mund gefühlt haben und dem was sie sehen.


  • Die Koordination zwischen Gesehenem und Gefühltem verbessert sich mit zunehmendem Alter: Mit zwei ein halb Monaten gibt man einem Säugling einen Ring oder eine Scheibe zum Fühlen, ohne dass er sie sehen kann. Zeigt man ihm danach Bilder dieser Gegenstände, schaut er länger auf den Gegenstand, den er nicht gefühlt hat; er ist neu und deshalb interessanter. Dasselbe gilt für die Koordination von Sehen und Hören.

  • Auch ein reichhaltig differenziertes Gefühlsleben gehört zur Ausstattung des Neugeborenen: Ekel, Schmerz, Überraschung, Interesse, Neugier werden von Geburt an, resp. im Alter eines Monats ausgedrückt; spätestens mit 4-6 Wochen kommt Freude dazu, ab 3-4 Monaten sind klare Äusserungen von Traurigkeit und Ärger, ab 6-8 Monaten solche von Furcht wahrnehmbar.

Moderne Forschung bestätigt das Wissen der Mütter

Diese Forschungsresultate machen deutlich, wie sehr die neue Säuglingsforschung die alten Vorstellungen über die Neugeborenen- und Säuglingszeit revolutioniert hat. Sie bestätigen aber auch wissenschaftlich, was viele Mütter und andere Betreuungspersonen von Neugeborenen und Kleinstkindern schon immer wussten: Durch die Geburt kommt ein Menschenwesen auf die Erde, das von Beginn an in sehr differenzierter Weise am Leben teil hat. Als beziehungsfähiges und aktives Individuum steht es von Anfang an mit seinen Eltern und seiner Umgebung in Beziehung. Der Austausch und die Beeinflussung erfolgen gegenseitig. In der Regel verfügen Eltern über eine «intuitive elterliche Kompetenz» (Papousek). Sie besteht darin, die Signale eines besonderen, eben des eigenen Kindes lesen zu lernen und angemessene Reaktionen gemeinsam herauszufinden.

Lic.phi. Pia Kim / Psychologin und Psychotherapeutin
aus: MEHR VOM LEBEN 3/2003


Literatur-Tipps

Dornes, Martin: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt: Geist und Psyche, Fischer, 2001

Dornes Martin: Die frühe Kindheit: Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt: Geist und Psyche, Fischer, 2001

Stern Daniel N.: Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt, denkt. München/Zürich: Piper, 2002

Papousek, M. und H. Papousek: Intuitive elterliche Früherziehung in der vorsprachlichen Kommunikation, Sozialpädiatrie in Praxis und Klinik 12, 1990

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